Istanbul Music and Percussion

So einen wie ihn nennt man Tausendsassa: Der Perkussionist, Saitenvirtuose, Komponist und Produzent Burhan Öçal belebt seit Jahrzehnten die türkische Musik aller Genres mit einer Unmenge unorthodoxer Ideen neu, hat seine Spuren in der Musik der Roma und der Sufis genauso hinterlassen wie in Pop, Klassik und Techno, verknüpft Orient und Okzident auf magischen, verschlungenen Pfaden:
Burhan Öçal wird in der Stadt Kirklareli in der westtürkischen Region Thrakien in eine musikalische Familie hineingeboren. Der Vater, der als Schlagzeuger das erste Jazzquartett Istanbuls gründet, weiht ihn in die Kunst des Perkussionsspiels ein, vermittelt ihm außerdem die Vorliebe für US-amerikanischen Jazz und die Filme und Ästhetik der Clark Gable- und Bogart-Ära. Denn im damals schon westlich geprägten Istanbul besitzt er ein Kino, als Schuhputzer und Gepäckträger arbeiten dort viele Roma-Musiker, und so kommt der junge Burhan mit deren Welt und Tönen schnell und zwanglos in Kontakt. Von der strengen Mutter hingegen bekommt er den Einblick in die Welt des religiösen Gesangs, Koran-Rezitationen erfüllen genauso das Elternhaus. Burhan hasst die Schule, büxt immer wieder aus dem Unterricht aus und wird schon mit 14 professioneller Schlagzeuger. Er spielt abwechselnd den Jazz eines Charlie Parker, den er sich von den Platten des Vaters aneignet, adaptiert Beatles-Songs genauso wie traditionelle Stile und entwickelt eine ganz eigensinnige Perkussionstechnik: Aus Bürsten der Schuhputzer, Deckeln von Limonadenflaschen, selbst aus alten Röntgenbildern und Plastiksäcken fertigt er Trommelfelle und Schlaginstrumente. Ein Erfindungs- und Stilreichtum, der die gesamte Karriere des Weltenbummlers mit wechselndem Wohnsitz in Zürich und Istanbul fortan prägen wird.

Als Perkussionist und Musical Director wird der Thrakier im Westen vor allem mit dem Istanbul Oriental Ensemble bekannt. Hier bündelt er mit den führenden Musikern der Roma-Szene vom Bosporus traditionelle Instrumental- und Gesangsstücke sowie Improvisationen zu einem virtuosen Feuerwerk, präsentiert sowohl die Künste seiner Mitmusiker an Klarinette, Hackbrett, Oud und Violine, als auch seinen einmaligen Aufbau verschiedener Darbukas. Nach dem mit dem Deutschen Schallplattenpreis prämierten Debütalbum des IOE, „Gypsy Rum“ (Network, 1995) zeichnet er mit dem gleichen Ensemble und einer Palette von Gastmusikern die Atmosphäre eines Harems („Sultan's Secret Door“, 1997) und einer „Caravanserai“ (2000) in prachtvollen Tönen nach, zeigt das Geflecht der türkischen Musik zwischen griechischen und asiatischen Einflüssen auf.






Auf klassischem Terrain macht Öçal sowohl im Westen als auch im Orient von sich reden: Mit der portugiesischen Pianistin Maria João Pires konzertiert der Bach- und Scarlatti-Liebhaber, bringt türkische und indische Perkussion in Barock-, Romantik- und Impressionismus-Literatur ein. Für das renommierte französische Label Harmonia Mundi spielt er mit „Jardin Ottoman“ (1996) alte osmanische Musik auf dem delikatesten und meditativsten aller türkischen Saiteninstrumente, der Tanbur ein - für diese moderne und zugleich respektvolle Interpretation der türkischen Kunstmusik wird er in Frankreich mit dem „Prix Choc“ ausgezeichnet. Teamworks stellt er ebenso mit dem klassischen Gitarristen Elliot Fisk auf die Beine, durch die er ab 1998 in den Vereinigten Staaten bekannt wird.

In denkbar entgegengesetzter Atmosphäre entstehen seit 1997 die „Sultan“-Projekte: Mit der Frankfurter Soundscaper-Größe Pete Namlook konzipiert Öçal Klangszenarien, die die faszinierende Geschichte der osmanischen Herrscher aufrollt und ins Hier und Heute überträgt. Dies geschieht mit Techno- und Ambient-Vokabular, mit Lautenspiel auf seinem bevorzugten Instrument neben dem Schlagwerk, der Saz, einem Perkussionsarsenal von Kesselpauken über die Rahmentrommel Bendir bis zur Darbuka und nicht zuletzt der Rezitation eindringlicher Lyrik . Bislang sind mit „Sultan“ (1997), „Sultan Osman“ (2001) und „Sultan Osman“ (2004) drei Kapitel erschienen - eingedenk der über 40 Herrscher ein Großprojekt, das in wohl Zeit seines Lebens beschäftigen wird.
Kaum überschaubar Burhan Öçals Kollaborationen im Jazz und der Weltmusik: Mitte der 1990er ergeben sich Teamworks mit dem Fusion-Pionier Joe Zawinul, der ihn für seinen Meilenstein „My People“ (1996) einspannt. Mit George Gruntz verbindet ihn eine tiefe Freundschaft, Auftritte beim Montreal Jazz Festival und in der Knitting Factory zählen zu den gemeinsamen Projekten, die Tour mit der George Gruntz Concert Jazz Band in der Türkei wird im Jahre 2000 in einem Dokumentarfilm von Stefan Schwietert eingefangen. Mit dem Kronos Quartet gastiert er im gleichen Jahr in San Francisco, beim Istanbul Jazz Festival teilt er sich mit dem armenischen Duduk-Spieler Djivan Gasparyan und Andreas Vollenweider die Bühne, ebenso mit den südfranzösischen HipHoppern vom Massilia Sound System. Die 1999 erschienene Platte seines „Groove Alla Turca“-Trios mit dem Funkbassisten Jamaladeen Tacuma und der ägyptischen Sängerin Natacha Atlas markiert den Einstieg beim progressiven Istanbuler Label Double Moon, zwei Europa-Tourneen resultieren aus dem Gipfeltreffen der drei Ausnahmemusiker.




In den letzten Jahren ist Istanbul wieder zum Lebensmittelpunkt des umtriebigen Allrounders geworden. Beim dortigen Jazz Festival spielte er nicht nur mit Sting (2001) und Paco De Lucia (2004). Zu einer Vielzahl von Projekten inspirierte ihn die Metropole am Goldenen Horn, zu deren modernem kulturellen Gesicht er immer maßgeblich beigetragen hat. Seine enge Bindung an die Musik der Roma und zugleich an die thrakische Heimat zelebriert er mit den Trakya Alla Stars auf „Kirklareli Il Siniri“ (2004) - in der Roma-Brassband sorgt der tunesischstämmige Smadj für elektronische Feinheiten. Eine ähnlich spektakuläre Brücke zwischen digitalem Zeitalter und türkischer Vergangenheit, ebenfalls unter Beteiligung von Smadj, erschien kürzlich mit „New Dream“ (2006). Burhan Öçal lässt hier die klassische türkische Musik zeitgenössisch und tanzbar aufleben, inklusive opulentem Streichorchester und der Vokalkunst von Sängerin Emel Sayin, einer der bekanntesten Diven der klassischen türkischen Musik seit den frühen 1970ern.

In Öçals aktuelle Projekten setzt sich das Niederreißer der Barrikaden fort. Für das Stimmenfestival Lörrach versammelte er in einer Sufi Music Night alte und junge Meister der spirituellen Musik zu einem Programm aus religiösen Hymnen, Koran-Rezitationen und Derwisch-Ritualen. Fürs gleiche Festival kollaborierte er an der Seite des führenden türkischen Rappers Ceza und dem Global Asian-Denker Nitin Sawhney in der Clubnacht „Istanbul Calling“. Und im Herbst 2006 schließt sich der Kreis für den „Hans Dampf in allen Gassen“, der mittlerweile in Istanbul auch als Filmheld für die Verkörperung von mafiösen Charakteren gefeiert wird. Dann nämlich wird Network das vierte Album des Istanbul Oriental Ensemble veröffentlichen, das Burhan Öçal einst das Tor zum europäischen Weltmusikpublikum geöffnet hat. „Grand Bazaar“ erzählt mit einer Schar von Roma-Musikern der jungen Generation, insbesondere mit erstaunlichen Virtuosen auf Spießgeige und Hackbrett, Geschichten aus dem überwältigenden Gewirr von Kapali Çar_i, dem großen Istanbuler Basar, der genau wie Öçal keine Rast und Ruhe zu kennen scheint.




   für Veranstalter

Tour-Hinweis 
Auf Anfrage